Geschichte

Geschichte

"Gerhard, du wirst Bäcker." Noch heute ist Gerhard Neuendorff seinem Großvater, einem engagierten Bäckerobermeister und Sozialdemokraten, dankbar, dass er ihn schon von der 5. Klasse an in diese Richtung leitete. Einen anderen Beruf könnte sich der heute 64-jährige Teltower Bäcker gar nicht vorstellen. "Mein Beruf ist mein Hobby. Ich bin mit Leib und Seele Bäcker." Und so lässt sich der Handwerksmeister auch nicht durch die schwieriger werdenden Bedingungen, durch geringere Kaufkraft und Teuro verschrecken. Von 19 000 Handwerksbetrieben des Bäckergewerbes in Deutschland gehen jährlich 600 bis 700 in Insolvenz, da die Großfilialisten sich auf dem Markt immer mehr ausdehnen. "Als Gegenmaßnahme reagieren wir mit Frische und Qualität. Wichtig ist es auch, Kontakte zu pflegen und sich das Vertrauen der Kunden zu erarbeiten." Mit diesen Leitgedanken soll in einigen Jahren 2006 - der Betrieb dann auch der nächsten Generation übergeben werden. Sohn Thomas, der seit 1994 Bäckermeister ist und das Geschehen in der Backstube leitet, wird dann die Geschäfte übernehmen.

Gerhard Neuendorff wird sich aber nicht vollständig zurückziehen. Dass der Bäckermeister, der am 27. November sein 40-jähriges Meisterjubiläum feierte, die anstrengende Arbeit überhaupt so lange bewältigen konnte und immer noch mit Freude am Beruf ab 3 Uhr in aller Frühe bis in die späten Abendstunden tätig ist, liegt an der "Lebensqualität". Darunter versteht Neuendorff neben der Liebe zum Handwerk - " man muss mit dem Herzen dabei sein" - den Zusammenhalt in der Familie, die Bodenständigkeit, das Vertrauen der Kunden und jährlich drei Wochen Erholung in Österreichs Bergwelt. Besonders freut es ihn auch immer wieder, wenn ihn Kinder aus dem Kindergarten oder der Schule in seinem Betrieb besuchen und Zeichnungen mitbringen oder ein Lied vorsingen.

Die Bäckerei in der Bäckerstraße 1 übernahm Gerhard Neuendorff am 23. Juni 1970 von Bäckermeister Manfred Offner als selbständigen Handwerksbetrieb. Eine Zeit lang hatte der Konsum das Unternehmen geführt, nachdem Bäckermeister Bernd Bernhard in den Westen gegangen war. Gerhard Neuendorf, der 1962 seine Handwerksmeisterprüfung vor der Handwerkskammer in Potsdam abgelegt hatte, war von 1961 bis 1970 bei Kaffee Heider als Verantwortlicher für die Konditorei angestellt. Seine Lehre absolvierte er von 1955 bis 1958 bei der Bäckerei Klöhn in Potsdam.
Die Gewerbegenehmigung, so erinnert sich Gerhard Neuendorff noch genau, war damals mit der Auflage verbunden, bis zum Ladenschluss ausreichend Backwaren anbieten zu können. Eine zu DDR-Zeiten nicht ganz einfache Aufgabe, da es an Zutaten und Mitarbeitern mangelte. Für diese schwere Arbeit, die schon in den frühen Nachtstunden beginnt, waren bei der herrschenden Vollbeschäftigung nur selten Arbeitskräfte zu gewinnen. Glücklicherweise bekam Neuendorf von den Behörden bei der Wohnungsbeschaffung für seine Mitarbeiter Unterstützung. So konnte es halt immer weitergehen. Heutzutage ist es in der Regel kein Problem mehr, bis Geschäftsschluss ausreichend Waren im Angebot zu haben.

Da gilt es eher, genügend Ware an die Frau oder den Mann zu bringen. Und doch kommt es - wenn auch selten - vor, dass zum Beispiel die begehrten Mohn- und Haselnussstollen mal nicht reichen. Dann begeben sich die Konditorinnen und Konditoren schon um 2 Uhr nachts in die Bäckerei, um in rund 8O-jährigen Gussbackformen, die begehrte Ware zu backen und so für ausreichend Nachschub zu sorgen.
Heutzutage hat sich Gerhard Neuendorf aber nicht nur das Ziel gestellt, seine Kunden ausreichend und in hervorragender Qualität zu versorgen. Der Bäckermeister lässt sich auch immer wieder etwas Neues einfallen. So schuf er das Rübchenbrot und die Rübchenbrötchen, die Teltower Bauernkruste, das Kartoffelbrot sowie das Nachtkerzenbrot und die Nachtkerzenbrötchen. Die Backwaren mit Nachtkerzensamen entstanden übrigens auf Anregung eines Wissenschaftlers vom Landesamt für Verbraucherschutz und Landwirtschaft.

Durch den Gehalt an ungesättigten Fettsäuren und Gammalinolensäure, als einen wichtigen Baustein im Stoffwechsel und Hormonhaushalt, sind sie ein wertvoller Beitrag zur gesunden Ernährung. Besondere Spezialitäten Gerhard Neuendorffs sind Jubiläumstorten, die er immer wieder individuell gestaltet und auf Wunsch mit einem essbaren Foto verziert. Immer wieder überrascht der Bäckermeister mit seinen kreativen Ideen. So zum 7-jährigen Jubiläum des regionalen Fernsehens "teltowkanal" mit der Torte "Kaminzauber". Neben all' dem beruflichen Wirken kommt bei Neuendorf aber auch immer wieder seine soziale Ader durch.

Als vor zwei Jahren die "KIDSBackstube" in einer ehemaligen Rumpelkammer der Pestalozzischule für Lernbehinderte in Zehlendorf von der Lehrerin Erika Kreil aus der Taufe gehoben wurde, stand der Bäckermeister mit tatkräftiger Unterstützung zur Seite. Er gab Anleitung im Brötchenbacken und stellte die technische Erstausstattung. Nun kommen sogar die schlimmsten Schulschwänzer pünktlich, um den Backofen anzuschmeißen. Den Schülern gibt die Tätigkeit - sie backen für die Cafeteria der Schule - ein Selbstwertgefühl und sie lernen Teamgeist und Eigeninitiative, die sie später im Berufsleben gut gebrauchen können. Die Schüler bekommen von Neuendorff auch die Möglichkeit, in seiner Bäckerei ein Praktikum oder sogar eine Ausbildung zu absolvieren. Ein Schüler, Sascha Eckers, absolvierte vor zwei Jahren bereits erfolgreich die Lehre und arbeitet jetzt mit großem Engagement in der Bäckerstraße 1. Mit leuchtenden Augen erzählte er, dass er sich von seinem verdienten Geld schon eine Wohnung einrichten und ein Auto anschaffen konnte. Wenn junge Menschen eine solche Entwicklung nehmen können, freut es Gerhard Neuendorff besonders, denn er weiß aus eigenem Erleben, wie wichtig Hilfe und Unterstützung
sein können.

Neben der Bäckerstraße 1 werden in den Filialen am Kaufhaus Trend und in Kleinmachnow Hohe Kiefer/Ecke Seelenbinderstraße und am Kleinmachnower Frischemarkt Backwaren angeboten. Die Filialen Hohe Kiefer und Kaufhaus haben auch sonntags von 7.30 bis 11 Uhr geöffnet. Neben dem Verkauf in den Geschäften werden rund 25 Prozent der Ware an Kitas, Altenheime, Krankenhäuser und Firmen ausgeliefert. Dabei bestellen die Mitarbeiter der Firmen zunehmend belegte Brötchen. Zu Neuendorffs Firmenphilosophie gehört es, möglichst jeden Kundenwunsch zu erfüllen. "Ich sage meinen Mitarbeitern immer wieder, wenn ein Kunde einen ausgefallenen Wunsch habt, lehnt nicht ab, sondern informiert mich." Dass die Kunden die Arbeit des Bäckers Nr. 1 in der Bäckerstraße wertschätzen zeigt auch das kunstvoll gestaltete Holzschild, dass Neundorf für sein Geschäft überreicht bekam mit der Aufschrift: "Hier kommt das Brot noch nicht vom Band, wir backen noch mit Herz und Hand."


Dietmar Streuber